Plädoyer gegen gespiegelte Selfies

English translation: 🇬🇧 A plea against mirrored selfies | Chinese: 🇹🇼 拜託,別再發鏡像自拍了

Es gibt Themen, die objektiv unbedeutend sein mögen und trotzdem bei mir jedes Mal aufs Neue einen kleinen Anfall von Irritation auslösen. Spiegelverkehrte Selfies gehören dazu. Diese Glosse ist der Versuch, diesem Problem ein wenig auf den Grund zu gehen.


Du machst ein Foto mit der Frontkamera deines Taschencomputermobilfunkgerätes.

Texte im Bild sind spiegelverkehrt. Auf T-Shirts, auf Schildern im Hintergrund, überall.

Wie kommt das?

Die meisten Handy-Betriebssysteme (bzw. ihre Kamera-Apps) speichern heutzutage Selfies standardmäßig so, wie du dich im Sucher oder im Spiegel siehst – mämlich spiegelverkehrt.

Für dich fühlt sich das “richtig” an, weil du dein eigenes Gesicht in der Regel ebenfalls nur aus dem Spiegel kennst – also spiegelverkehrt.

Für alle anderen ist genau das aber ungewohnt.
Sie kennen dein Gesicht so, wie es tatsächlich aussieht – nicht gespiegelt.

Deshalb wirkt man auf einem gespiegelten Selfie für sein Publikum (für diejenigen, mit denen man das Foto teilt) erstmal seltsam. So wie auch ein Freund, neben dem du vor einem Spiegel stehst, für dich plötzlich seltsam, asymmetrisch aussieht.

Menschen haben von Natur aus asymmetrische Gesichter. Diese Asymmetrie fällt uns aber erst dann auf, wenn wir die Menschen im Spiegel betrachten. Beispiel:

Wer mich kennt, weiß: wie sieht der richtige Tom aus? Linkes Bild oder rechtes Bild?

Nun zwingen uns die Menschen ihre gespiegelten Selfies auf. Gesichter, Haarwuchs, Texte, Logos, Kleidung – alles ist gespiegelt, alles ist falsch.

Diese automatische Mirror-Option ist eine Krankheit der Selfie-Fotograhie. Sie pervertiert das, was Fotographie eigentlich mal darzustellen versuchte: ein lebensnahes Abbild der momentanen Wirklichkeit. Stattdessen verkommt sie zu einem Dienst an der Eitelkeit der Benutzer: Irgendwelche Fokusgruppenstudien müssen mal in einem A/B-Vergleich herausgefunden haben, dass Anwender ihre Selfies besser bewerten, wenn diese gespiegelt sind. Weil sie dann so aussehen, wie die Anwender sich selbst aus dem Spiegel kennen.

Dies gesellt sich in eine Reihe mit Weichzeichnern, Beautyfiltern, Studio Ghibli-“inspirierten” Avataren aus der KI-Maschine bis hin zur völligen Verzerrung der Wirklichkeit.

Dass damit der eigentliche Zweck der Fotographie ad absurdum geführt wird: geschenkt. Dass Leute es beim Posten nicht merken, dass Texte in ihren Fotos seitenverkehrt sind: bestürzend.

Deshalb mein Plädoyer: Schalte die Spiegelfunktion deiner Frontkamera ab. Suche die Einstellungen deiner Kamera-App und deaktiviere die Spiegelfunktion für die Frontkamera. Beispiel:

Du wirst dich vielleicht einen Tag lang etwas ungewohnt finden. Alle anderen werden dich dafür so sehen, wie sie dich ohnehin kennen. Und ganz nebenbei können sie endlich wieder lesen, was auf deinem T-Shirt steht.

Oder noch besser: nutze die Frontkamera gar nicht. Drehe das Handy um, schaue in die Linse und löse mit der Volume-Wippe an der Seitenkante deines Handys aus. Damit vermeidest du auch den eitlen, am Objektiv vorbei auf die eigenen Augen gerichteten Selfie-Blick, der alle Selfies sofort als Fake entlarvt.

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